"Ökologie ist ein integraler Bestandteil"

17.10.2019
Strickhof-Direktor Ueli Voegeli

Die Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens hat kürzlich das landwirtschaftliche Bildungswesen scharf kritisiert: Junge Bauern lernten zu wenig über Nachhaltigkeit, Themen wie der Klimawandel und Biodiversität fehlten im Bildungsplan, lautete der Vorwurf. Strickhof-Direktor Ueli Voegeli kontert im Interview mit dem Schaffhauser Bauer: Ökologie sei ein integraler Bestandteil der Ausbildung. Mit Strickhof-Direktor Ueli Voegeli sprach Redaktorin Sanna Bührer Winiger.

Schaffhauser Bauer: Ueli Voegeli, Sie sind Direktor des Kompetenzzentrums für Land- und Ernährungswirtschaft Strickhof. Sie sind zudem Vizepräsident der Bildungskommission des Schweizer Bauernverbands (SBV). Und Sie sind Mitglied des Vorstands von OdA-AgriAliForm*. Was sagen Sie zu den Vorwürfen der Rundschau? Haben die landwirtschaftlichen Berufs- und Weiterbildungsanbieter ihre Hausaufgaben nicht gemacht?

Ueli Voegeli: Die Nachhaltigkeitsthematik ist in der beruflichen Grundbildung seit den 1990er Jahren zunehmend präsent, seit in der Landwirtschaft die integrierte, ökologische Produktion in den Fokus rückte. Das reflektiert sich seither auch in den Lehrplänen, in Weiterbildungen, Kursen und ebenfalls in der Beratungstätigkeit für die Bauern, welche die Bildungszentren ausführen.

Im Bildungsplan, der aktuell der bäuerlichen Aus- und Weiterbildung zugrunde liegt, fehlen laut Rundschau aber Fächer zum Klimawandel oder zur Biodiversität.

Im Rundschaubeitrag wird völlig ausgeblendet, dass die Nachhaltigkeit die Grundlage und das Ziel der landwirtschaftlichen Aus- und Weiterbildung ist. Diese Bildung erfolgt jedoch handlungsorientiert: Das heisst, ökologische Themen werden insbesondere im Fachunterricht der Grundbildung nicht abstrakt in einzelnen Fächern unterrichtet.

Ökologie ist ein integraler Bestandteil bei allen zu vermittelnden Handlungskompetenzen. Solche Handlungskompetenzen sind zum Beispiel die Bodenbearbeitung, das Ausbringen von Düngemitteln, die Regulierung von Unkraut, das Bestimmen von Pflegemassnahmen der Kulturen, Strukturelemente zur Förderung von Nützlingen oder die Tierhaltung.

Zudem bestehen vertiefende Wahlfachangebote, im Bildungsverbund der Kantone Zürich und Schaffhausen etwa das Wahlfach Biodiversität Grundbildung, das Wahlfach Landschaftsqualität Grundbildung oder das Wahlfach Bodenfruchtbarkeit. In der höheren Berufsbildung, auf Stufe der Betriebsleiterschule, ist das Thema Nachhaltigkeit umfassend präsent.

Der Bildungsplan für die Landwirtschaft wurde 2017 einer kleinen Revision unterzogen. Dabei, kritisierte die Rundschau, habe man Anregungen des Bundesamts für Umweltschutz nicht berücksichtigt, ökologische Themen in den Lehrplan aufzunehmen.

In dieser kleinen Revision ging es nicht um grundsätzliche Anpassungen der Bildungsinhalte, sondern um Verbesserung der Lehrmittel und folglich der Abläufe und Umsetzung der Lehrpläne.

Das übergeordnete Thema Nachhaltigkeit wurde im Kompetenzbereich «Arbeitsumfeld» im Lehrmittel völlig überarbeitet und stärker gewichtet. Dort werden die Aspekte der ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimension der Nachhaltigkeit vermittelt, sowohl bei der Bewirtschaftung wie auch bei der Organisation von Landwirtschaftsbetrieben. Ein weiterer Punkt greift auf, wie die Umstellung eines Betriebs auf Biolandbau geprüft und vorbereitet werden kann.

Wie erwähnt, der Bildungsplan ist handlungsorientiert. Folglich fliessen laufend aktuelle Themen zur Nachhaltigkeit bei der Behandlung der einzelnen Lernziele ein.

Konkret zum Klimawandel erhalten die Lernenden im dritten Lehrjahr im Sinne einer Synthese ihres Vorwissens einen Input, aus dem hervorgeht, wie die Landwirtschaft vom Klimawandel betroffen ist und wie die Betriebe in geeigneter Weise auf den Klimawandel reagieren können. In diesem Kapitel lernen sie selbstverständlich auch, wie stark die Landwirtschaft als Mitverursacherin am Klimawandel beteiligt ist.

Wie lernen die angehenden Landwirtinnen und Landwirte das?

Es wird mit verschiedenen Ansätzen gearbeitet. Einer ist die App «Energie- und Klimacheck». Damit lernen die Auszubildenden, Massnahmen zu priorisieren, mit denen der Lehrbetrieb energieeffizienter und klimaschonender arbeiten kann.

Der ökologische Fussabdruck wird zudem im allgemeinbildenden Unterricht behandelt. Ebenfalls in diesem Rahmen werden die Lernenden über die Zusammenhänge von Klimawandel, Treibhausgasen, erneuerbaren Energien, CO2-Abgaben und weitere dazugehörende Aspekte aufgeklärt. Generell scheint bei der aktuellen Kritik am Bildungsplan unseres Berufsfeldes die Bedeutung der Allgemeinbildung vergessen gegangen zu sein. Der «ökologische Fussabdruck» wird dort behandelt. Ebenso lernen unsere Berufslernenden, ihre Wertvorstellungen und ihr Konsumverhalten in Bezug auf die ökologischen Auswirkungen kritisch zu reflektieren. Auch beim Thema Mobilität wird die Thematik Klimawandel, Treibhausgase, erneuerbare Energien, CO2-Abgabe behandelt.

Angeprangert wurde auch, dass Food Waste nicht thematisiert werde. Ein Versäumnis?

Die Food Waste-Thematik findet im Unterricht durchaus ihren Platz. Foodwaste in der Landwirtschaft basiert zudem hauptsächlich darauf, dass Grossverteiler und die Konsumenten nur perfekte, genormte Ware akzeptieren. Anderes wird von den Abnehmern zurückgewiesen und von den Konsumenten nicht gekauft. Das ist kein hausgemachtes Problem der Landwirte.

Die Bauern stecken mit Herzblut viel Arbeit, Zeit, Geld und Knowhow in die Produktion der Nahrungsmittel. Sie haben alles Interesse daran, dass ihre wertvollen, vor unserer Haustüre unter anforderungsreichen Bedingungen hergestellten Nahrungsmittel auch verkauft werden.

Unabhängig vom aktuellen medialen Diskurs ist eine umfassende Revision des Bildungsplans gestartet worden. Was wird sie bringen?

Das ist eine ganz andere Dimension als der aktuelle Diskurs.

Da geht es tatsächlich um grundsätzliche Weiterentwicklung und die langfristige Zukunft der beruflichen Grundbildung im Berufsfeld Landwirtschaft im Zeithorizont ab 2025. Der neue Bildungsplan soll die tatsächlich nachgefragten beruflichen Qualifikationen der künftigen Bauerngeneration beschreiben.

Die Berufsbildung der Zukunft soll qualifizierten Fachkräften den Einstieg in die Arbeitswelt Landwirtschaft ermöglichen und sie auf die unternehmerische Weiterbildung im Hinblick auf die Übernahme eines Betriebs vorbereiten. Sie orientiert sich unter Einbezug des technologischen Fortschritts an den Bedürfnissen der Gesellschaft, der Märkte und damit selbstverständlich an der echten, dreidimensionalen Nachhaltigkeit.

Es braucht also schon eine Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Berufsbildung im Bereich der Ökologie?

Ja, davon bin ich überzeugt, sonst werden die künftigen landwirtschaftlichen Fachkräfte die grossen Herausforderungen, welche sich in einer nachhaltigen, ressourcenschonenden, marktnahen Nahrungsmittelproduktion unter Schweizer Verhältnissen stellen, kaum stemmen können.

Der längst erkannte Handlungsbedarf darf aber nicht dafür missbraucht werden, wiederholt zu behaupten, die landwirtschaftliche Bildung hätte Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Biodiversität und verwandte Themen bisher nicht aufgenommen. Das stimmt schlichtweg nicht.

Das heisst, in der Rundschau-Sendung wurden falsche Aussagen gemacht?

Ja. Die sehr einseitige und zum Teil aus dem Kontext herausgerissene Darstellung der landwirtschaftlichen Bildung in Bezug auf Nachhaltigkeitsthemen in dieser Sendung ist unseriös und offensichtlich schlecht recherchiert.

Ich habe kein Verständnis für diesen provokativen, fast hetzerischen Beitrag gegen unser Berufsfeld. Die Art, wie mit Bauernpräsident Markus Ritter im Interview im Studio umgesprungen wurde, ist zudem niveaulos, von den aggressiven Fragen der Moderatorin über das wiederholte Abklemmen seiner Antworten bis hin zum dümmlichen Versuch, von ihm vor laufender Kamera per Handschlag Zugeständnisse einfordern zu wollen.

Gibt es für Sie so etwas wie ein Fazit für diese «Geschichte»?

Aus Sicht des Strickhofs bleiben wir trotz solchen unqualifizierten Medienberichten daran, zusammen mit den Lehrbetrieben unseren jungen Landwirten ein möglichst gutes Rüstzeug mit auf den Weg zu geben.

Das heisst, dass die jungen Berufsleute mit ihrer täglichen Arbeit und ihrem Kommunikationsgeschick den zweifellos vorhandenen Mehrwert und die Qualität von einheimischen, nachhaltig produzierten Nahrungsmitteln erlebbar machen können sowie die gleichzeitig von ihnen erbrachten öffentlichen Leistungen für die Umwelt aufzeigen und die Marktpartner und die Konsumentenschaft von ihren Produkten überzeugen können.

Und vielleicht reift mit einem selbstkritischen Blick da und dort auch die Erkenntnis, dass die Messlatte für Fortschritt in der Landwirtschaft nicht mehr allein die Produktivität ist, sondern die Nachhaltigkeit und die Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse der Gesellschaft.

* In der OdA AgriAliForm sind zehn Mitgliedorganisationen aus der Land- und Pferdewirtschaft zusammengeschlossen, die sich in der branchenbezogenen Aus- und Weiterbildung engagieren.

 



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