Die Kartoffel-Haupternte naht: Qualität sichern

15.08.2019

Der Ende Juli sehnlich erwartete Regen - für die Ernte der frühen Partien in zu trockenen Böden sowie für das weitere Wachstum der späteren Sorten - ist reichlich eingetroffen. Ein erster Eindruck aus Probegrabungen lässt bessere Erträge und Qualitäten als die letzten zwei Jahre versprechen.

Trotz den Extremtemperaturen im Juli sind physiologische Störungen wie Keime, Zwiewuchs und Auswüchse selten feststellbar. Die Situation ist jedoch (wie so oft) sorten- und standortspezifisch unterschiedlich. Bilanz kann erst nach der Ernte, mit dazugehöriger Qualitätskontrolle gezogen werden.

Nachwirkungen aus 2018 über das Pflanzgut
Anfang April gepflanzte, frühe festkochende Sorten haben die Grösse erreicht, so dass das Kraut bereits vernichtet ist. Bei später abreifenden Industriesorten war die Entwicklung vor allem stark abhängig vom «Stehvermögen» des Krauts über die Hitzephase in der zweiten Julihälfte und ob bewässert werden konnte oder nicht. So ist das Kraut einiger Parzellen schon weit fortgeschritten in der Abreife während andere Bestände noch Zuwachspotential haben. Die Speisesorten Ditta und Jelly konnten einmal mehr besser mit der trockenen und heissen Witterung umgehen als andere.
In zahlreichen Parzellen musste bereits Anfang Juni festgestellt werden, dass sich bei einzelnen Sorten das Kraut nicht entwickelte wie man es erwartet hätte. Es gelangte nicht in ein Krautvolumen und hielt der Hitze stand, wie man es aus anderen Jahren kennt. Dies kann mit hohem physiologischen Alter der Pflanzknollen aus dem Sommer 2018 erklärt werden. Je mehr Temperatur ein Pflanzgutposten während des Wachstums letzten Sommer erfahren hat, umso weiter ist er physiologisch in der Entwicklung fortgeschritten (physiologisches Alter). Aus überalterten Pflanzkartoffeln bildet sich weniger Kraut, der Zeitpunkt des Knollenansatzes ist früher und die Bestände reifen rascher ab. Empfindliche Sorten reagieren mit Ertragseinbussen.
Das physiologische Alter eines Pflanzgutpostens hängt einerseits von den Temperaturbedingungen die am Standort des Pflanzkartoffelproduzenten vorgeherrscht haben ab. Dazu spielt die Bodenart eine grosse Rolle. Leichte, steinige Böden, in trockenen Regionen beispielsweise sind deutlich wärmer als schwerere, an Orten mit mehr Niederschlägen. Andererseits war auch entscheidend wie lange das Pflanzgut noch im Boden verbleiben musste bzw. wie rasch es am Lager heruntergekühlt werden konnte. Verbreitet trockene Böden im Juli/August 2018 verhinderten eine zügige Ernte des Pflanzgutes.  

Erfreuliche Stärkegehalte
Bisherige, punktuelle Probegrabungsresultate in der ersten Augustwoche haben tendenziell überdurchschnittliche Stärkewerte ergeben. Wo Stärkegehalte und Backfarben passen, ist es eine Abwägung zwischen potentiell noch nötig und möglichem Zuwachs (vom Krautzustand abhängig) und Kosten für weitere Krautfäulebehandlungen sowie Abbau der äusseren Qualität. Manchmal klammert sich die Hoffnung auf weiteren Ertragszuwachs an ein paar halbgrüne Stängel mit wenigen, intakten Blättern. Gesunkene Bodentemperaturen und die nun vorhandene Feuchtigkeit haben Schnecken und Drahtwürmer wieder aktiv werden lassen. Mit jeder Woche längerem Verbleib im Boden muss mit Abnahme der äusseren Knollenqualität gerechnet werden. Im Sinne der Qualitätssicherung empfiehlt es sich das Kraut so spät wie nötig (Reife bezüglich Stärke, Backfarbe und Grösse bezüglich Kaliber), aber so früh wie möglich zu vernichten.
Zu beachten ist bei der chemischen Krautvernichtung auch die (sortenspezifisch) nötige Zeit zur Erreichung der Schalenfestigkeit und die Wartefrist von 2 Wochen ab Anwendungszeitpunkt des Herbizides.

Neue Triebe am Kraut
Bei später gepflanzten, mittelspäten bis späten Sorten mit erhöhter Stickstoffnachlieferung aus dem Boden kann man nach den hohen Niederschlagsmengen die Bildung neuer Triebe aus den Blattachseln beobachten. Falls noch nicht erfolgt, empfiehlt sich in solchen Parzellen dringend eine Probegrabung mit Fokus auf besonders wiederergrünte Stauden durchzuführen. Neue Triebe im Kraut sind weniger eine freudige Überraschung denn ein Risiko für die Knollenqualität. Die Reaktion der Stolonen und Knollen auf solche Wiederaustriebe im Kraut ist von verschiedensten Faktoren abhängig und nicht überall gleich. Es kann sein, dass praktisch nichts passiert. Die Pflanze lagert jedoch nicht mehr Stärke in die Knollen ein. Es kann sein, dass neue Stolonen bis hin zu einer zweiten Knollengeneration gebildet werden. Im dümmsten Fall bildet die erste Knollengeneration Keime, Kindel oder Zwiewuchs. Bei letzterem Szenario sollte – sofern Kaliber, Stärke und Backfarbe den Mindestanforderungen entsprechen – die Krautvernichtung rasch durchgeführt werden. In kritischen Fällen ist mit dem Abnehmer eine Weitervermarktung- bzw. –verarbeitung ohne Einlagerung des Postens zu prüfen.

Krautfäuleschutz durchziehen
Die trockenen und heissen Bedingungen haben die hiesig angespannte Krautfäulesituation vom Mai/Juni gedanklich in den Hintergrund rücken lassen. Besonders auf Stauden mit hoher grüner Blattmasse könnte der Pilz nun aber noch mal Fuss fassen. Mit den regelmässigen Niederschlägen ist nun das Risiko einer Knolleninfektion hoch. Die Spritzabstände sind aufrecht zu erhalten. Das Beimischen eines sporenabtötenden Wirkstoffes sollte nun bis und mit Krautvernichtung Standard sein.

 

Besichtigung Kartoffelversuche fenaco
am 22. August, 13.30 bis 20.30 Uhr in Lobsigen BE

Die strategische Geschäftseinheit Landesprodukte und Pflanzenbau der Fenaco präsentieren auf 5 ha praxisnahe Kartoffelversuche zu aktuellen Themen.

Mit von Partie ist die Hochschule HAFL mit dem Thema Bewässerung.
Standort: Löhrstrasse 37, Lobsigen BE. Führungen alle 45 Min.