Anbau von Kirschen - eine ‚exotische‘ Kultur im grössten geschlossenen Obstanbaugebiet Europas

28.03.2014

Im Südtirol wird auf einer Fläche von etwa 18‘400 Hektar Obst angebaut. Dabei muss man präzisieren: Im Südtirol bedeutet Obst fast ausschliesslich die Produktion von Äpfeln. Alle andere Obstkulturen wie Birnen, Kirschen, Aprikosen (Marillen), Zwetschgen oder Beeren fristen trotz 2000 Sonnenstunden im Jahr ein Schattendasein. Das Dritte Lehrjahr der angehenden Obstfachleute am Strickhof liess es sich im Rahmen der einwöchigen Studienreise vom 17.-22. März 2014 trotzdem nicht nehmen, einen Einblick in den noch jungen Kirschenanbau im oberen Vinschgau zu wagen.

Der Kirschenanbau im Südtirol umfasst heute etwa 150 Hektar, 7 Hektar davon werden biologisch produziert. Die grösste Kirschenanlage des Südtirols befindet sich in Glurns auf einer Höhe von 950 m ü. M. und wird von Lukas Rizzi und seinen Mitarbeitern von der Rizzi Group bewirtschaftet. Die Kirschenanlagen der Rizzi Group in Glurns sind rund 8 Hektar gross und werden konventionell bewirtschaftet. Der Anbau erfolgt ausnahmslos unter Witterungsschutz.

‚Fensterschnitt‘ und kein Schnitt auf Zapfen

Vor 10 Jahren hat die Firma Rizzi in Glurns mit dem Anbau von Kirschen begonnen. Heute stehen auf dem Betrieb Bäume jeden Alters. Die Bäume werden gemäss Lukas Rizzi ausschliesslich als hohe Spindel erzogen, wobei die Bäume mit einer Höhe von 4,5m bis 5 m und Pflanzabständen von 4x2m eher Säulen gleichen. Der Schnitt wird von Rizzi als ‚Fensterschnitt‘ bezeichnet, welcher sich dadurch auszeichnet, dass die Fruchtäste auf verschiedenen Etagen gezogen werden und dazwischen grosse offene Bereiche vorhanden sind. Diese ‚Fenster‘ sorgen für eine optimale Durchlüftung und Belichtung der Äste. Angestrebt wird kräftiges Holz, da gemäss Rizzi an feinen Trieben keine grossen Kirschen wachsen. Die Baumhöhe beträgt nach dem Schnitt 4,5m, während der Saison ragen die Baumspitzen aber bis zum Firstdraht auf 5 m Höhe.

Bei Rizzi werden wenn möglich keine Zapfen geschnitten, da Sie die Beobachtung gemacht haben, dass die Wundheilung und Überwallung von Wunden deutlich besser ist, wenn die Schnittfläche bündig oder möglichst knapp am Stamm oder Trieb gemacht wird.

Für die verbesserte Wundheilung und die Verhinderung von Krankheitsinfektionen wird zusätzlich möglichst sofort nach dem Schnitt im Frühjahr (wenn die Bäume im Saft sind, aber noch nicht ausgetrieben haben) und direkt nach der Ernte eine Behandlung mit Kupfer durchgeführt.

Produktion von Qualitätskirschen

Gemäss Lukas Rizzi betragen die durchschnittlichen Erntemengen rund 13-16 Tonnen/ha. Die Produktion von Kirschen auf dieser Höhe hat das Ziel, einen nahtlosen Übergang des Angebots zu den früh auf dem Markt vorhandenen Kirschen aus Italien, Spanien oder der Türkei sicherzustellen. Geerntet wird bis ca. Ende Juli, danach will der Markt keine Kirschen mehr. Hauptabnehmer ist Deutschland, aber auch in Italien werden Kirschen aus dem oberen Vinschgau verkauft.

Angebaut werden fast ausschliesslich Kordia und Regina, aber auch Duroni oder Sweetheart sind im Sortiment vertreten. Als Befruchter bei den Sortenblöcken von Regina ist jede 3. Reihe im Sortenblock komplett mit der Sorte Sylvia bepflanzt. Die Befruchtung stellt in Glurns kein Problem dar, da grosse Mengen an Wildbienen vorhanden sind. Zudem befindet sich ein Bienenstand in unmittelbarer Nähe.

Bewässert wird entweder mit Sprinklern über dem Boden, die jeweils auch die benachbarten Reihen mitbewässern, oder mit Mikrojet. Bewässert wird täglich um das Aufspringen der Kirschen zu vermeiden.

Gedüngt wird organisch mit normalem Stallmist oder mit Biogülle von einer Biogasanlage, aber auch mit mineralischen Düngern. Alle 2 Jahre werden Bodenanalysen gemacht.

Biologischer Kirschenanbau

Der biologische Anbau von Kirschen ist gemäss Rizzi keine einfache Sache. Zum Schutz vor Schädlingen ist die vollständige Einnetzung der Anlage notwendig. Dafür verwendet die Rizzi Group ausschliesslich Netze mit einer Maschenweite von 0,4-0,7mm. Wichtig ist dabei die Verwendung von verschweissten Netzen, da bei gewebten Netzen die Maschenweite unabsichtlich mechanisch vergrössert werden, was und den Eintritt von Kirschessig- oder Kirschfruchtfliegen ermöglicht. Gegen Läuse werden Neem-Präparate eingesetzt, gegen Kirschfruchtfliegen stehen Mittel auf Basis von Pyrethrum zur Verfügung.

Trotz schwierigem Anbau ist der biologische Anbau von Kirschen interessant, weil mit Biokirschen sehr gute Preise erzielt werden können. Kaliber 24+ werden für rund €7.50/kg verkauft. Im konventionellen Bereich wären Kirschen mit demselben Kaliber nur als Verwertungskirschen zu einem Preis von ca. €2.-/kg absetzbar. Für konventionelle Kirschen mit Kaliber 26+ werden rund €4.50/kg bezahlt.



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